1989-2019: Dreissig Jahre Mauerfall – Bilder der Wende von Hans-Jörg Vehlewald, Bild.de

„Test the West“, mit diesem Slogan warb der Zigaretten-Konzern Reemtsma in der DDR für seine Marke. „Ich hatte den selben ‘Robur‘-Laster kurz nach der Wende fotografiert“, erinnert sich Fotograf Daniel Biskup, „ein Jahr später fand ich ihn bei Leipzig als Schrott auf der Wiese – ein Symbolfoto für die beginnen Schwierigkeiten der Nachwendezeit.“

Vor bald 30 Jahren fiel die Berliner Mauer! Deutschland-Ost und Deutschland-West begannen zusammenzuwachsen, wie Ex-Kanzler Willy Brandt formulierte.

BILD-Starfotograf Daniel Biskup, damals noch freier Journalist, reiste nach dem Mauerfall durch die Noch- und Ex-DDR, fotografierte jubelnde Massen und Protest-Märsche. Feiernde Menschen und solche, die sich von der Wende überrollt fühlten. Dazu: Hunderte skurriler Alltagsszenen. Nie zuvor veröffentlichte „Wendebilder“, die er nun in einem Buch und einer Ausstellung in der Berliner Kulturbrauerei präsentiert.

Für BILD beschreibt Biskup seine Lieblingsfotos von damals – und erklärt, warum sie ihn bis heute berühren.

Biskup: „Schon 1991 haben sich die drei Herren mit ‘El Dry‘ in Leipzig-Connewitz selbstständig gemacht. Viele Ostdeutsche wagen zu diesem Zeitpunkt den Sprung in die Selbstständigkeit. Zu viele gingen schnell pleite. Doch das ‚El Dry‘ ist bis heute eine beliebte Szene-Kneipe in Leipzig“

Biskup: „1992 ließ die Bundesregierung nach brutalen Anschlägen auf Ayslbewerber-Heime vor allem in Ostdeutschland Plakate kleben, die für Toleranz im Umgang mit Zuwanderern warben. An vielen Ostdeutschen gingen die Slogans vorbei, sie fühlten sich selbst vernachlässigt und im Stich gelassen.“

Biskup: „Überall in Ostdeutschland habe ich wilde Schrottplätze fotografiert wie hier bei Leipzig. In der DDR gab es praktisch keinen Müll, alles wurde wiederverwertet, weil Rohstoffe kostbar waren. Auch ein 30 Jahre alter Trabbi wurde in Ehren gehalten. Mit der Einführung der D-Mark verloren Ostprodukte schlagartig ihren Wert und wurden lieblos überall entsorgt.“

Biskup: „Kurz nach dem Mauerfall eröffnen in Ostdeutschland die ersten Sexshops. Was dann folgt, kommt einer Welle an Erotikangeboten gleich. Sexshops gibt es bald in jedem Ort, so auch in Anklam in Mecklenburg-Vorpommern, wo ich 1995 diese Aufnahme machte. ‘Karins Erotik-Boutique‘ gibt es übrigens heute noch – 30 Jahre nach dem Mauerfall.“

Biskup: „Das war im April 1991: Helmut Kohl wird bei einem Besuch in Erfurt herzlich empfangen. Doch die Euphorie lässt im Osten allmählich nach. Zu viele verlieren durch die Einheit ihre Jobs…“

Biskup: „Sechs Monate nach der Wiedervereinigung habe ich dieses Foto in Leipzig bei den Montagsdemos gegen die beginnende Massenarbeitslosigkeit gemacht. Schneller als gedacht war durch die schnelle Schließung vieler Betrieb die Euphorie der Vereinigung verflogen. Die Menschen spürten, dass Ihre Biografien im Westen nichts wert waren.“

Biskup: „Bei einer Demo vor der Treuhandanstalt in Berlin habe ich 1992 eine Portrait-Serie von Arbeitslosen gemacht. Wer dieser Frau in die Augen schaut, kann erkennen, wie groß ihre Verzweiflung ist. Nicht nur der Arbeitsplatz war auf einmal weg, sondern auch das ganze soziale Umfeld: Fast alle Betriebe hatten ein Kulturhaus, einen Sportverein, eine Apotheke. Wer konnte, ging in den Westen. Über 1,4 Millionen Ostdeutsche taten bis 1993 diesen Schritt. Seit 1945 hatte es keine solch hohe Wanderungsbewegung in Europa gegeben.“

Biskup: „Eines meiner ersten Fotos der heutigen Bundeskanzlerin Angela Merkel, (damals Familienministerin unter Helmut Kohl). Bei einer Demo 1992 marschierte sie in erster Reihe neben Bundespräsident Richard von Weizsäcker gegen Ausländerfeindlichkeit durch Berlin. Damals war sie gerade drei Jahren in der Politik aktiv.“

Biskup: „Dieses Foto habe ich beim offiziellen Abzug der russischen Streitkräfte aus Ostdeutschland gemacht. Es war der Moment, in dem Deutschland endgültig vom besetzten Nachkriegs-Staat zur souveränen Bundesrepublik wurde.“

Biskup: „Aufbruchstimmung in Dresden 1993. Überall werden in Ostdeutschland eröffnen neue Läden oder alte Geschäfte aufgemöbelt für die neue Zeit. Zeitgleich werden werden überall neue Leitungen verlegt, ganze Straßenzüge erneuert.“

Daniel Biskups Bilder sind bis zum 25. August in der Berliner Kulturbrauerei zu sehen (Dienstag-Sonntag 10-18 Uhr, Donnerstag bis 20 Uhr). Der Eintritt ist frei.
Foto: Simon Annand

 

Quelle: https://www.bild.de/politik/inland/politik-inland/1989-2019-dreissig-jahre-mauerfall-bilder-der-wende-60141180.bild.html